Off Topic: Irrglaube Wachstum


Mich ärgert maßlos, wenn Politiker mit dem Argument "Wachstum" suggerieren wollen, dass damit ein Allheilmittel gegen alle Probleme gefunden worden sei. Das absolute Gegenteil ist der Fall. Auf begrenztem Raum gibt es nur begrenztes Wachstum. Und die Grenzen eines verträglichen Wachstums sind schon lange weit überschritten. Wir leben seit Jahrzehnten nicht mehr nachhaltig und damit auf Kosten zukünftiger Generationen. Vielleicht ist das eine Spätfolge des unseligen Bibelspruchs aus dem Ersten Buch Mose: Genesis  "Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise."

Diese anthropozentrische Arroganz mag ja vor 3500 - 3800 Jahren, als dieser Text - wahrscheinlich auf der Basis noch viel älterer Vorlagen - entstanden ist, verständlich gewesen sein. Aber heutzutage, mit über sieben Milliarden konsumsüchtigen, hungrigen, durstigen und Raum einnehmenden Menschen ist das auf nicht einmal lange Sicht ein Todesurteil für die gesamte globalisierte Gesellschaft. Frühere Katastrophen und Zusammenbrüche von Kulturen, die als Beispiel dienen könnten (die Anasazi, die Rapa Nui auf der Osterinsel, die Maya, Angkor Wat, letztlich das Römische Reich durch die von Klimaveränderungen ausgelöste Völkerwanderung, um nur einige zu nennen. Vgl. Jared Diamond "Kollaps, 2005".), waren regional begrenzt. Ein Zusammenbruch in heutiger Zeit wäre ein globaler. Einer, bei dem keine "Zivilisationsreste" unbeschadet überstehen und einen Neuanfang garantieren würden. Es wäre das Ende der technisierten Zivilisation - wenn wir Glück haben.

Wie schnell Systeme kippen, haben die Finanz- und Immobilienkrise sowie die Eurokrise deutlich genug gezeigt. Und die Wirtschaftswissenschaften, für die es immerhin Nobelpreise gibt, keine Ahnung davon haben, wie, wo und wann solche Krisen entstehen und uns nur anschließend erklären wollen, warum sie aufgetreten sind, sind auch keine Hilfe. Sicher ist nur, dass unser Wirtschaftssystem immer komplexer wird und gegenseitige weltweite Abhängigkeiten zunehmen. Komplexität hat aber eine zentrale Schwachstelle: Das Risiko von Störungen nimmt zu, egal, welche Maßnahmen man ergreift. Und je komplexer ein System ist, desto tiefgreifender werden selbst kleinste Normabweichungen.

Wir leben heute in einer Zeit des klimatischen Optimums (zumindest aus unserer bereits erwähnten anthropozentrischen Sicht heraus). Dennoch sind wir gezwungen, massiv technisch und chemisch nachzuhelfen, um die Ernähung der Weltbevölkerung so einigermaßen sicher zu stellen. Dabei schwebt das Damoklesschwert des Klimawandels ständig über unseren Köpfen. Und das auch ohne den massenhaften Eintrag von Treibhausgasen wie Kohlendioxyd und Methan. Die Erdumlaufbahn ist nicht statisch. Newton hatte nur für Zweikörpersysteme recht. Tatsächlich schwankt sowohl die Erdneigung und die elipsenförmige Bahn verschiebt sich ebenfalls. Mehr oder weniger regelmäßig kommt es daher zu Abkühlungen und Eiszeiten. Die sogenannte "Kleine Eiszeit" vom 15. bis ins 19 Jahrhundert mag mit ihren Folgen als Beispiel dienen. Oder die Erwärmung und die damit verbundene Entwicklung des Ackerbaus vor etwa 7000 Jahren. Eine globalisierte Gesellschaft am Rande des Limits ist auf eine Änderung der klimatischen Umstände nicht vorbereitet, kann es gar nicht sein. Und trotzdem spielen wir mit unserer Umwelt russisch Roulette. Erst seit ganz kurzer Zeit haben Klimaforscher begriffen, dass nicht nur unser Wetter kurzfristig schwankt. Auch unser Klima tut das. Und langfristige Prognosen sind so vielversprechend wie langfristige Wettervorhersagen. Wetter und Klima sind nichtlineare, auch chaotisch genannte höchst komplexe und damit anfällige Systeme. Niemand wird uns sagen können, wie sie sich entwickeln und welche Auswirkungen Änderungen tatsächlich haben werden. Aber da wir hier mit unserer Existenzgrundlage herumpfuschen, sollten wir uns schon etwas mehr anstrengen, nicht so viel Schaden anzurichten wie bisher. Aber unsere Gesellschaft ist mit dem Kyoto-Protokoll wie ein Herionabhängiger: Man feiert es als Erfolg, wenn die tägliche Dosis unserer Rauschgifts "Fossile Energie" nicht mehr ganz so schnell steigt. Eine Heilung ist damit nicht einmal in Sicht und das Ende vorgezeichnet.

Noch ein kleiner Gedanke: Jede Verbesserung der Nahrungsversorgung hat zur Folge gehabt, dass die Bevölkerung zugenommen hat. Die Industrialisierung der Landwirtschaft macht da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil, wir sprechen nicht grundlos von einer Bevölkerungsexplosion. Doch auch hier haben wir keine weitere Möglichkeit des Wachstums mehr. Noch mehr Ertrag ist kaum zu erzielen. Inzwischen dürfte die Nahrungsmittelproduktion eher wieder rückläufig sein. Zunehmend versteppen, verwüsten und versalzen ehemalige Ackerflächen, noch mehr Dünger bringt wenig, Wasser ist knapper denn je. Und Monokulturen bringen das gesamte Ökosystem an den Rand des Kollaps. Und immer noch ertönen die Stimmen der Unbelehrbaren: "Seid fruchtbar und mehret Euch".

Vor 13000 - 7000 Jahren konnten wir mit der Entwicklung des Ackerbaus eine stabile Grundlage für ein starkes Bevölkerungswachstum legen. Was bleibt uns heute? Nichts, außer der Hoffnung, dass alles gut werden wird. Und Politiker, die uns Wachstum und Arbeitsplätze versprechen...

Das ist unsere Erde in all ihrer Schönheit und Verletzlichkeit (wahrscheinlich 1967, als die Welt noch fast in Ordnung war). Die Sattelitenbilder des nächtlichen Planeten mit den Krebsgeschwüren der Lichter möchte ich mir ersparen, wer möchte, wird im Netz problemlos fündig werden.

Auf unserer Erde ist nur begrenzt Platz und der Mensch nur Teil ihres großartigen und einzigartigen Ökosystems. Wer anderes glaubt, der weigert sich nur, den ihm gegebenen Verstand bestimmungsgemäß zu benutzen.


© Gregor Jonas 2014
Foto: NASA
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